Wenn ein deutscher Bürger auf einen Link klickt, der ihn scheinbar zu Der Spiegel oder Bild führt, wenn ein Franzose einen Artikel liest, der anscheinend auf Le Monde veröffentlicht wurde, wenn ein Italiener ein virales Video auf TikTok sieht, das die „Nazifizierung der Ukraine" anprangert, stößt er nicht einfach auf eine Falschmeldung. Er wird Opfer einer industrialisierten Informationskriegsoperation, die auf höchster Ebene der russischen Regierung koordiniert und durch ein kapillares Netzwerk verwaltet wird, das sich vom Militärgeheimdienst bis zu europäischen Fernsehstudios erstreckt.
Die Europäische Union hat einen technischen Namen für dieses Phänomen: Foreign Information Manipulation and Interference (FIMI). Aber hinter dem bürokratischen Akronym verbirgt sich eine alarmierende Realität: Die Russische Föderation hat den europäischen Informationsraum in ein Schlachtfeld verwandelt, auf dem die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Propaganda bewusst zunichtegemacht wurde.
Die Schaltzentrale: Wer die Maschine steuert
Im Zentrum dieses Netzes steht die russische Präsidialverwaltung, wo Sergei Wladilenowitch Kirijenko, Erster stellvertretender Stabschef, die strategischen Narrativlinien koordiniert. Es handelt sich nicht um einen einzelnen Hacker in einem St. Petersburger Keller, sondern um eine staatliche Struktur, die dann die Ausführung an spezialisierte Einheiten delegiert.
Durchgesickerte interne Dokumente enthüllen die Existenz einer echten „Russischen Digitalen Armee", die wie eine militärische Organisation strukturiert ist: Ideologen, die Narrative definieren, Meme-Ersteller, die sie in virale Inhalte übersetzen, Kommentatoren, die soziale Medien überschwemmen, und Bot-Farm-Betreiber, die alles durch automatisierte Konten verstärken.
Die Zahlen sind erschütternd: Allein in den ersten vier Monaten des Jahres 2024 generierte die Bot-Farm der Social Design Agency (SDA) – eine der wichtigsten russischen „Desinformationsfabriken" – über 33,9 Millionen Kommentare und etwa 40.000 Multimedia-Inhaltseinheiten. Keine gelegentliche Propaganda, sondern industrielle Produktion.
Die Manipulationsfabriken
Zwei Unternehmen stehen im Kern des operativen Apparats: die Social Design Agency und Structura National Technologies. Geleitet von Ilya Andreevich Gambashidze bzw. Nikolay Aleksandrovich Tupikin, produzieren diese Organisationen nicht nur falsche Inhalte, sondern überwachen ständig die europäische öffentliche Debatte, um soziale Brüche zu identifizieren, die ausgenutzt werden können.
Bauernproteste? Die SDA produziert Memes, die die Krise den Sanktionen gegen Russland zuschreiben. Migrationsspannungen? Inhalte, die Einwanderung mit der EU-Mitgliedschaft verknüpfen, werden verstärkt. Bürgerrechte? Narrative, die den Westen als moralisch dekadent darstellen, verbreiten sich, im Kontrast zu den von Moskau verteidigten „traditionellen Werten".
Parallel dazu behalten die Geheimdienste die Kontrolle über die heikelsten Operationen. Die Einheit 54777 des GRU koordiniert Netzwerke von „gefälschten lokalen Medien" und verwaltet Propagandisten wie John Mark Dougan, einen nach Russland geflohenen Amerikaner, der Portale wie DC Weekly betreibt. Der FSB kümmert sich über seinen 5. Dienst um die Rekrutierung von Einflussagenten innerhalb europäischer Parteien.
Doppelgänger: Wenn Medien zu Waffen werden
Die ausgeklügeltste Kampagne heißt „Doppelgänger". Der Mechanismus ist so einfach wie effektiv: Internetdomains werden registriert, die denen seriöser Publikationen fast identisch sind. Ein deutscher Bürger sucht Der Spiegel, landet aber durch Manipulation des Internetverkehrs auf einem perfekten Klon der Seite, wo er Artikel findet, die authentisch erscheinen, aber tatsächlich pro-Kreml-Narrative fördern.
Der Spiegel, Bild, Le Monde, The Guardian, ANSA wurden geklont, sogar Regierungs- und NATO-Seiten. Mithilfe von Traffic-Management-Software wie Keitaro und generativer künstlicher Intelligenz werden Inhalte in Echtzeit produziert, die sich an die täglichen Nachrichten anpassen, um die Wirkung zu maximieren.
Die Narrative sind konstant:
- Die Ukraine ist ein gescheiterter Nazi-Staat
- Sanktionen sind wirkungslos und schaden nur Europa
- Militärische Unterstützung für Kiew wird zur wirtschaftlichen Katastrophe führen
- Die NATO ist der Aggressor, Russland verteidigt sich
Parallel dazu startete das Netzwerk „Portal Kombat" gleichzeitig 193 Webseiten in ganz Europa, oft verbunden mit der Marke „Pravda" in verschiedenen Sprachen. Das Ziel ist nicht, den Nutzer von einer einzelnen Falschmeldung zu überzeugen, sondern die Informationsumgebung zu sättigen, bis es unmöglich wird, zuverlässige Quellen von Propaganda zu unterscheiden.
Die lokalen Gesichter der Propaganda
Die Wirksamkeit des russischen Systems liegt in seiner Fähigkeit, von europäischen Stimmen getragen zu werden, die als kulturelle Vermittler fungieren. Menschen, die Deutsch, Französisch, Italienisch sprechen. Menschen, die in nationalen Talkshows auftreten oder Follower in sozialen Medien haben.
Deutschland: Das Hauptziel
Deutschland ist das Hauptziel russischer FIMI-Aktivitäten in der EU, und das Netzwerk ist tief mit der Alternative für Deutschland (AfD) verflochten.
Alina Lipp betreibt den Telegram-Kanal „Neues aus Russland" mit über 180.000 Abonnenten und verbreitet täglich Rechtfertigungen für die Invasion der Ukraine. Sie wurde 2025 von der EU wegen ihrer finanziellen Verbindungen zu russischen Propagandastrukturen über die Organisation „Welcome to Russia" sanktioniert.
Thomas Röper, der in St. Petersburg lebt, betreibt die Webseite Anti-Spiegel und arbeitet mit Lipp zusammen. Er greift systematisch deutsche Mainstream-Medien an, bezeichnet sie als „NATO-Waffen" und fördert Verschwörungstheorien.
Wladimir Sergijenko, ein parlamentarischer Assistent der AfD, wurde als FSB-Agent identifiziert, der russische Gelder nutzte, um die Debatte im Bundestag zu beeinflussen, und sogar juristische Aktionen gegen Waffenlieferungen an die Ukraine orchestrierte.
Frankreich: Die „Zwölf Apostel" des Kremls
Die französische Regierung hat ein Netzwerk von zwölf pro-Kreml-Agenten angeprangert, die der informationellen Destabilisierung gewidmet sind.
Xavier Moreau, Gründer von Stratpol, ist ein französisch-russischer Staatsbürger, der 2025 von der EU sanktioniert wurde. Er operiert von Moskau aus als Kommentator für RT France und Sputnik und nutzt seine strategischen Analysen, um den Zusammenbruch der Ukraine vorherzusagen.
Christelle Néant, aktiv im Donbass, betreibt Portale wie Donbass Insider und produziert Inhalte, die dann von breiteren Netzwerken in Frankreich weitergeleitet werden.
Politiker wie Aymeric Chauprade, Thierry Mariani und Patricia Chagnon haben politische Unterstützung geleistet, an russischen Medieninitiativen teilgenommen und als „internationale Beobachter" bei nicht anerkannten Referenden agiert.
Italien: Talkshows als Verstärker
In Italien nutzt die russische Strategie den Fernsehpluralismus, um pro-Kreml-Stimmen in Programme mit hoher Einschaltquote einzuschleusen. Internationale Analysen haben hervorgehoben, dass Italien eines der wenigen europäischen Länder ist, das regelmäßig russische Propagandisten wie Dmitry Kulikov live im Fernsehen einlädt, oft ohne angemessene Gegenrede.
Persönlichkeiten wie Francesca Donato und Matteo Gazzini wurden wegen ihrer Interaktionen mit der Plattform Voice of Europe erwähnt. Es entstehen auch Netzwerke kleiner Portale und Telegram-Kanäle, die Kryptowährungen und versteckte Finanzierung nutzen, um Desinformation an die Generation Z zu verbreiten.
Voice of Europe: Wenn Propaganda zur Korruption wird
Der Voice of Europe-Skandal enthüllte einen qualitativen Sprung: den Übergang von narrativem Einfluss zur direkten Korruption politischer Vertreter. Gestartet vom Oligarchen Viktor Medwedtschuk, einem engen Putin-Verbündeten, diente dieses Medium als Drehscheibe, um europäische Parlamentarier heimlich zu finanzieren, im Austausch für die Verbreitung russischer Botschaften in den EU-Institutionen.
Ermittlungen der tschechischen Sicherheitsdienste (BIS) enthüllten, dass die bezahlten Politiker beauftragt waren, die Europawahlen 2024 zu beeinflussen, indem sie Narrative gegen die Hilfslieferungen an die Ukraine förderten. Die Zahlungen, oft in bar oder Kryptowährung in Prag geleistet, betrafen Mitglieder populistischer Parteien in Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Deutschland und Polen.
Petr Bystron (AfD, Deutschland) wird untersucht, weil er bei Treffen mit russischen Operatoren in Prag 20.000 Euro erhalten haben soll. Thierry Baudet (FvD, Niederlande) ist eines der Hauptgesichter, die von der Plattform gefördert werden, obwohl er Spenden bestreitet. Filip Dewinter (Vlaams Belang, Belgien) und Thierry Mariani (RN, Frankreich) sind Veteranen der politischen Unterstützung für Kreml-Narrative.
Diese Operation zeigt, wie russische Propaganda versucht, eine „fünfte Kolonne" innerhalb europäischer Parlamente zu schaffen, die in der Lage ist, SDA-Richtlinien in Gesetzesvorschläge oder offizielle Reden umzuwandeln.
Die Narrative: Der Westen als Feind
FIMI-Aktivitäten beschränken sich nicht auf einzelne Fakten, sondern konstruieren breite interpretative Rahmen, die darauf abzielen, die öffentliche Wahrnehmung langfristig zu manipulieren.
Die narrativen Archetypen sind konstant:
Der Westen als Aggressor: Russland wird als Opfer einer von den USA und der NATO orchestrierten Einkreisung dargestellt. Die Invasion der Ukraine wird zu einer notwendigen Verteidigungsmaßnahme.
Der Verrat der Eliten: Europäische Regierungen werden als Marionetten Washingtons dargestellt, die gegen die Interessen ihrer eigenen Bürger handeln. Inflation, Energiekrise und Deindustrialisierung werden den „selbstmörderischen" EU-Sanktionen zugeschrieben.
Die Nazi-Bedrohung in der Ukraine: Der Vorwurf des „Nazismus" gegen Kiew dient dazu, den Gegner zu entmenschlichen und Unterstützung zu mobilisieren, indem an den Sieg im Zweiten Weltkrieg erinnert wird.
Der moralische Verfall des Westens: Russische Propaganda positioniert sich als Bollwerk gegen moralische „Dekadenz", greift LGBTQ+-Rechte und Inklusionspolitiken an, um konservative Sektoren europäischer Gesellschaften anzuziehen.
Neue Grenzen: KI und totaler Krieg
Der Einsatz künstlicher Intelligenz hat eine Personalisierung der Narrative auf granularer Ebene ermöglicht. Die SDA hat Techniken entwickelt, um Social-Media-Filter zu umgehen, wobei kodierte Sprache verwendet wird (z.B. „tr.an.zyt" für Transit, „ka.ta.st.rofa" für Katastrophe), um automatische Erkennung zu vermeiden.
Die Strategie umfasst drei Ebenen:
- Massives Spamming: Erzeugung von Hintergrundrauschen zur Ablenkung
- Provokatives Engagement: Bots, die Nutzer zu geklonten Seiten drängen
- Externe Validierung: „Echte" Politiker und Meinungsführer wiederholen die Narrative, um den Glaubwürdigkeitskreis zu schließen
Immer ausgefeiltere Taktiken entstehen:
CopyCop: Sprachmodelle plagiieren, übersetzen und schreiben Artikel westlicher Medien um, fügen kleine pro-Kreml-Änderungen ein, bevor sie über gefälschte lokale Nachrichtenseiten verbreitet werden.
Matryoshka: Tausende koordinierte Verifizierungsanfragen an Faktenchecker bezüglich offensichtlich falscher Inhalte, um Ressourcen von der Überwachung gefährlicherer Kampagnen abzulenken.
Storm-1516: Produktion von Deepfakes und manipulierten Videos, die über scheinbar unabhängige Seiten „gewaschen" werden, bevor sie von offiziellen russischen Medien aufgegriffen werden.
Die Antwort der Europäischen Union
Die EU hat mit dem FIMI Toolbox reagiert, der auf vier Säulen basiert:
- Situationsbewusstsein: Ständige Überwachung durch das Rapid Alert System
- Resilienzaufbau: Unterstützung für unabhängigen Journalismus und Medienkompetenzprogramme
- Regulierung: Umsetzung des Digital Services Act, um Plattformen zur Entfernung von Bot-Farmen zu zwingen
- Externe Maßnahmen und Sanktionen: Politische Zuschreibung von Kampagnen und wirtschaftliche Kosten für böswillige Akteure
Im Dezember 2024 und Mai 2025 verhängte die EU beispiellose Sanktionen gegen Einzelpersonen und Unternehmen, die mit der Doppelgänger-Kampagne und der SDA verbunden sind, einschließlich Vermögenssperren und Verboten, auf dem europäischen digitalen Markt zu operieren.
Eine dauerhafte Bedrohung
Die Zahlen sprechen für sich: Im ersten Jahr des Ukraine-Konflikts ermöglichten Online-Plattformen Moskau, eine Kampagne durchzuführen, die ein aggregiertes Publikum von mindestens 165 Millionen Menschen in der EU erreichte und nicht weniger als 16 Milliarden Aufrufe generierte.
Wir stehen nicht vor einer einfachen Verbreitung von „Fake News", sondern vor einer Social-Engineering-Operation, die darauf abzielt, die Glaubenssysteme europäischer Bevölkerungen neu zu konfigurieren. Der Ursprung ist eindeutig staatlich, mit einer Lieferkette, die vom Kreml ausgeht, über spezialisierte PR-Agenturen läuft und in den Kommunikationskanälen lokaler Journalisten und Kommentatoren ankommt.
Die Integration von generativer künstlicher Intelligenz und politischen Einflussnetzwerken stellt die gefährlichste Grenze dar. Die Fähigkeit, Klone seriöser Medien zu erstellen und gewählte Vertreter zu korrumpieren, ermöglicht es Russland, gleichzeitig die Basis (die Bürger) und die Spitze (die Entscheidungsträger) liberaler Demokratien zu treffen.
Die Verteidigung des europäischen Informationsraums kann ein tiefes Verständnis dieser Mechanismen nicht ignorieren. Transparenz bei der Medienfinanzierung, Stärkung der Gesetze über ausländisches Lobbying und ständige Wachsamkeit gegenüber digitalen Infrastrukturen sind die notwendigen Voraussetzungen, um die Integrität demokratischer Prozesse in einer Ära permanenter hybrider Kriegsführung zu gewährleisten.
Denn das ist nicht nur Desinformation. Es ist Krieg. Und er wird jeden Tag geführt, in jedem Klick, in jedem Teilen, in jeder Fernseh-Talkshow.
Methodische Anmerkung: Dieser Artikel basiert auf durchgesickerten internen Dokumenten der Social Design Agency, Geheimdienstberichten europäischer Sicherheitsdienste (BIS, AIVD, DGSI), Resolutionen des Europäischen Parlaments, Sanktionen des EU-Rats und Analysen des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD) zum FIMI-Phänomen im Zeitraum 2022-2025.